
Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe
Elias erwachte in einem Schwebezustand zwischen Erleichterung und Unruhe.
Der gestrige Abend kam ihm vor wie ein Traum – und wie ein Alptraum. Lena hatte ihn im „Trichter“ vor allen anderen umarmt, ihm diesen flüchtigen Kuss auf die Wange gegeben, und für einen Moment hatte er geglaubt, die Welt sei endlich auf seiner Seite.
Doch gleich danach hatte sie gelacht – nicht über ihn, das nicht, aber mit Samuel. Und das war schlimm genug.
Er starrte an die Decke seines Zimmers, wo das Licht der Morgensonne sich in den Ritzen der alten Holzpaneele fing. Samstag. Keine Schule. Keine Ausrede, das Haus zu verlassen.
Unten klapperte Geschirr. Der Geruch von Kaffee und Rührei zog durch den Flur. Normalerweise ein beruhigender Duft – heute roch er nach Streit.
Elias wusste, was ihn erwartete: eine Familie, die sich auf ihn einschießen würde, ohne es selbst zu bemerken.
Er zog sich an, Jeans, Sweatshirt, Haare irgendwie zurechtgewuschelt, und ging nach unten.
Am Küchentisch richteten sich sofort alle Augen auf ihn.
Sein Vater, in der blauen Arbeitsjacke, den Blick finster vom Teller hebend.
Seine Mutter, die versuchte, freundlich zu wirken, aber durch die angespannte Haltung ihrer Schultern verriet, dass sie innerlich auf Alarm stand.
Und Karo, seine Schwester, die mit einem Löffel im Müslibecher rührte, als sei sie gar nicht da.
„Na“, begann der Vater, ohne aufzusehen, „da ist ja der Held des gestrigen Abends.“
Elias blieb stehen.
„Guten Morgen.“
„Morgen“, sagte die Mutter, zu bemüht.
Der Vater legte die Gabel beiseite.
„Hast du gut geschlafen? Oder hat dich das schlechte Gewissen wachgehalten?“
„Welches schlechte Gewissen?“
„Das, was man hat, wenn man sich mit Leuten zusammentut, die der eigenen Familie einen überlebenswichtigen Auftrag versauen.“
Karo hob den Kopf.
„Aber das sind doch Elias’ Freunde.“
„Halt dich da raus“, fuhr der Vater sie an.
Die Mutter hob beschwichtigend die Hände.
„Er hat doch gar nichts gemacht. Du hast mir selbst gesagt, dass er da nur dabeisaß und kein Wort gesagt hat.“
„Ja, aber er saß dabei.“
Der Vater schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, nicht hart, aber laut genug, dass die Tassen klirrten.
„Er saß bei denen, die mir den Abriss-Auftrag wegnehmen wollen. Weißt du, was das heißt? Das heißt monatelange Vorbereitung. Und jetzt – vorbei.“
Elias atmete durch.
„Ich habe den Auftrag nicht gestrichen, Papa. Das war die Stadt. Das war der Bürgermeister.“
„Weil du mit denen rumhängst, die alles aufwühlen! Ich möchte wissen, wer sich von euch den Zugang zu den alten Unterlagen erschlichen hat. Aber das werde ich noch herausfinden.“
Elias rutschte bei dieser Vorstellung das Herz in die Hose.
„Es geht um den Park“, stammelte er, „nicht um dich.“
Doch im gleichen Moment wusste er, dass das so ziemlich das Dämlichste war, was er hatte sagen können.
„Ach, natürlich! Der große Umweltschützer. Weißt du, was ich sehe, wenn ich diesen Park ansehe? Alte Bäume, Müll, Ratten. Und ’ne rostige Brücke, die keiner braucht.“
„Manche Dinge haben trotzdem ihren Wert.“
„Gefühlsduselei!“, knurrte der Vater. „Vom solchen sentimentalen Werten kann ich keine Rechnungen bezahlen.“
Karo schob ihren Becher weg.
„Aber Elias hat recht. Ihr habt doch selbst gesagt, dass der Park früher schön war. Vielleicht könnte man—“
„Du bist nicht gemeint“, fuhr der Vater sie wieder an.
„Lass sie“, mischte sich Elias ein, „sie sagt wenigstens, was sie denkt.“
„Und du redest wie ein fremder Mensch für mich.“
Der Vater beugte sich über den Tisch.
„Deine Freunde? Schöne Freunde. Ich will, dass du mir sagst, was deine Freunde vorhaben. Wenn sie sich treffen, und ich ja doch nicht verhindern kann, dass du dabei bist, will ich wissen, was sie planen. Der Abriss ist nicht aufgehoben, nur aufgeschoben. Ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, dass er doch noch zustande kommt.“
Elias starrte ihn an.
„Du willst, dass ich meine Freunde bespitzle?“
„Ich will, dass du endlich begreifst, dass Familie wichtiger ist als diese dahergelaufenen Möchtegern-Helden!“
„Dann soll ich also lügen, um dich zu schützen?“
„Nein. Du sollst loyal sein.“
„Loyal heißt für dich also: andere zu hintergehen und zu betrügen?“
Der Vater stand auf.
„Pass auf, wie du mit mir redest.“
Die Mutter erhob sich ebenfalls, stellte sich zwischen die beiden. „Jetzt reicht’s. Wir essen in Ruhe weiter. Danach können wir immer noch reden.“
„Ich habe keinen Hunger.“
Elias wandte sich ab.
„Natürlich hast du keinen Hunger“, murmelte der Vater, „weil du ja von warmen Worten und Applaus satt wirst.“
Karo knallte den Löffel auf den Tisch.
„Jetzt hört doch endlich auf! Er hat mir vorgestern das Leben gerettet, falls das jemanden interessiert!“
Totenstille.
„Was redest du da?“, fragte die Mutter leise.
„Bei Mikas Party“, sagte Karo. „Die Typen wollten… na ja, egal. Wenn Elias nicht gekommen wäre, wäre das ziemlich übel ausgegangen.“
Die Mutter war blass geworden.
„Was heißt das – übel?“
„Nichts, Mama“, fiel Elias schnell ein, „alles halb so schlimm.“
„Alles halb so schlimm?“
Die Mutter stemmte die Hände in die Hüften.
„Ich will wissen, was da passiert ist.“
„Lass es“, sagte Elias, „es bringt nichts.“
„Du hast deiner Schwester das Leben gerettet, und du willst nicht darüber reden?“
„Weil’s gar nicht so war, ich habe ihr ein bisschen aus der Patsche geholfen. Ihr kennt doch Karo. Immer Drama, Drama, ne echte Drama-Queen.“
Bernd Nolte schlug wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, diesmal allerdings deutlich fester.
„Ich möchte jetzt nicht über deine Tochter reden“, giftete er seine Frau an, „es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie sich benimmt und dass sie nicht wie ein Flittchen herumläuft.“
Karo standen augenblicklich die Tränen in den Augen. Doch sie riss sich zusammen und fing nicht an zu heulen. Stattdessen stand sie ganz langsam auf und sah ihrem Vater fest in die Augen.
„Ich verstehe nicht viel von Aufträgen und Brücken. Aber in einem hat Elias recht. Ihr macht alles kaputt mit eurer ewigen Wut.“
„Karo!“
„Nein, Papa. Ich bin nicht mehr fünfzehn. Ich weiß, dass du Angst hast, die Firma zu verlieren, aber das hier – das führt vielleicht dazu, dass wir alle unsere Familie verlieren, und das ist kein Auftrag der Welt wert.“
Für einen Moment sah es aus, als würde der Vater die Hand heben, aber die Mutter stellte sich dazwischen.
„Stopp! Beide! Das reicht!“
Der Vater starrte sie an, als habe sie ihn geschlagen. Dann atmete er schwer durch.
„Ihr begreift es nicht. Keiner von euch.“
Bernd Nolte nahm die Jacke vom Haken, zog sie an.
„Ich bin in der Werkstatt. Vielleicht finde ich da Leute, die arbeiten, anstatt zu träumen.“
Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloss.
Karo ließ sich auf den Stuhl fallen.
„Herzlichen Glückwunsch. Neuer Familienrekord im Krach beim Frühstück.“
Die Mutter sank auf ihren Platz, den Kopf auf die Hände gestützt.
„Manchmal denke ich, wir drei sind nur noch Statisten in seinem Leben.“
Elias sah sie an. Zum ersten Mal wirkte sie nicht wie die ewige Vermittlerin, sondern einfach erschöpft.
„Ich wollte das nicht“, sagte er leise. „Wirklich nicht.“
„Ich weiß.“
Sie lächelte matt.
„Aber es ist, wie es ist.“
Karo stand auf.
„Ich geh rauf. Musik hören. Laut.“
Sie verschwand.
Elias blieb allein mit seiner Mutter zurück. Das Ticken der Küchenuhr schien lauter zu werden, je länger sie schwiegen.
„Er meint es nicht so“, flüsterte sie.
„Doch. Er meint es genauso.“
„Er hat Angst, Elias. Wenn du wüsstest, was ihm nachts durch den Kopf geht – die Rechnungen, die Aufträge, das Material, die Leute, die er bezahlen muss, …“
„Dann soll er mit mir reden, nicht über mich.“
Die Mutter sah ihn an. „Und du – wirst du mit ihm reden?“
„Vielleicht.“
Er stand auf, nahm seine Jacke vom Haken.
„Wohin willst du?“
„Raus. Luft holen.“
„Wirst du zurückkommen?“
„Immer“, sagte er und wusste doch, dass sie diese Antwort nicht beruhigen würde.
Draußen schlug ihm die kalte Vormittagsluft entgegen. Über den Dächern von Bentorf hing der Dunst der Papierfabrik, dünn und grau. Irgendwo bellte ein Hund, das ferne Kreischen einer Säge aus der Werkhalle seines Vaters klang herüber.
Sie hatten sich alle gestern Abend noch verabredet. Heute um 11 Uhr im Café Marweg.
Er war viel zu früh.
Elias blieb auf dem Bürgersteig stehen, den Blick auf den Weg zum Park gerichtet.
Die Brücke – sein Tor, sein Geheimnis.
Doch er wollte jetzt auf keinen Fall dahin. Noch war der Chronograf auf seiner Brust still. Doch Elias beschlich die Sorge, dass sich das ändern könnte, wenn er sich der Brücke nähern würde.
Er wollte auf keinen Fall seine Verabredung sausen lassen müssen. Aber vor allem wollte er Lena auf keinen Fall schon wieder enttäuschen.
