Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe

Elias Nolte starrte auf das in aufdringlichem Rot geschriebene Ergebnis seiner Klassenarbeit, als wäre es ein fremdes Zeichen aus einer anderen Welt. „Vier Minus“, stand dort in der krakeligen Schrift von Herrn Weber, seinem Mathelehrer. Darunter ein schräges, fast mitleidiges „Da geht mehr, Elias“. Wie zur Erinnerung daran, dass sein Leben nicht nur aus Videospielen und Tagträumen bestehen konnte.

Er faltete das Blatt langsam zusammen und schob es in seinen Rucksack, als wolle er es damit aus der Realität verbannen. Der Klassenraum leerte sich bereits, Stimmen hallten wider, Lachen, coole Sprüche und dummes Zeug. 

Lena, die mit ein paar Freundinnen kichernd an ihm vorbeiging, warf ihm einen kurzen Blick zu. Kein Lächeln. Kein Mitgefühl. Nur dieser prüfende Blick, als wolle sie sagen: Was stimmt nicht mit dir?

Hätte er etwas antworten sollen? Aber sie hatte ja gar nichts gesagt. Elias spürte seine eigene Unsicherheit, als ihn eine Stimme aus seinen Gedanken riss.

„Alles okay bei dir?“ 

Jonas, sein bester Freund, erschien neben ihm und warf ihm einen sorgenvollen Blick zu. 

„Du siehst aus, als hättest du gerade erfahren, dass Mathe nie wieder ausfällt.“

Elias zwang sich zu einem Grinsen. 

„Fast“, murmelte er, „Vier Minus.“

„Autsch“, Jonas pfiff durch die Zähne, „na ja, waren ja auch miese Aufgaben. Ich hab auch nur ne Drei.“

Elias nickte stumm, obwohl ihm klar war, dass Jonas mit Mathe immer auf Kriegsfuß stand. Im Gegensatz zu ihm selbst. Eigentlich war das ein Fach, dass ihm nie Probleme bereitete, und Jonas beneidete ihn darum, dass er nie für Mathe lernen musste. Und jetzt war die Note seines Freundes besser war als seine eigene. Dabei hatte er diesmal sogar gebüffelt. Irgendwie. Zumindest versucht. Doch seine Gedanken waren in letzter Zeit nie da, wo sie sein sollten.

„Hey, kommst du mit ins Café Marweg? Ein Eis auf schlechte Noten?“ 

Jonas schlug ihm kumpelhaft auf die Schulter.

„Ich muss noch was erledigen“, sagte Elias rasch.

Jonas zog eine Augenbraue hoch. 

„In letzter Zeit musst du dauernd was erledigen. Du bist ein richtiger Einzelgänger geworden.“

„Er ist verliebt. Das weiß doch jeder“, hörte Elias plötzlich die Stimme von Mika neben sich. Wie immer begleitet von dem zustimmenden Gelächter der Clique, die ständig um dieses Großmaul herumtanzte.

„Kannst du nicht einfach mal die Klappe halten“, knurrte Jonas.

„Nein, kann ich nicht.“

Mika verzog sein Gesicht zu einem unverschämten Grinsen.

„Und außerdem stimmts doch. Elias ist in Lena verknallt. Aber er kann bei ihr nicht landen, jedenfalls nicht in dieser Welt. Zu klein, zu mickrig, zu schüchtern.“

Elias hätte diesem Mistkerl am liebsten eine reingehauen. Doch der zog im Schutz seiner Entourage einfach weiter.

„Vergiss den Arsch“, sagte Jonas, „aber mal ehrlich, ist da was dran, an dem, was er sagt? Du bist doch nicht wirklich verknallt?“

„Blödsinn“, wehrte Elias ab, vielleicht ein wenig zu schnell.

 

„Okay, na dann, du weißt ja, wo du mich findest, falls du es dir doch noch anderes überlegst.“

Jonas grinste, klopfte seinem Freund auf den Rücken und verschwand in Richtung Ausgang. 

Elias wartete, bis auch die letzten aus dem Klassenraum verschwunden waren, dann schulterte er seinen Rucksack und trat hinaus auf den Schulhof. 

Die Nachmittagssonne hatte die Pflastersteine erhitzt, das Licht flimmerte auf dem Asphalt. Er ging langsam. Nicht nur, weil er keinen Grund hatte, schnell zu sein, sondern weil sein Inneres schwer war. Wie Blei. Nicht wegen der MaKarorbeit – na ja, vielleicht ein bisschen – sondern wegen diesem seltsamen Gefühl, das ihn seit Wochen begleitete. Als würde etwas in ihm wachsen, das noch keinen Namen hatte. Wie ein Schatten unter der Haut. Oder ein Flüstern am Rand der Wirklichkeit. Manchmal dachte er, es sei nur Lena. Doch dann wurde er das Gefühl nicht los, dass da noch etwas anderes war, etwas Unbekanntes, etwas Unheimliches.

Er lief nicht nach Hause. Stattdessen bog er, als würde er es schon ewig wissen, wie man dorthin kam, in eine Seitenstraße ein, die zu einem schmalen Pfad führte. Es war der alte Bahndamm, längst außer Betrieb, überwuchert, vergessen. Früher hatte man sich erzählt, dort würde es spuken. Heute ging da kaum noch jemand lang. Elias schon.

Er wusste nicht genau, wann er begonnen hatte, diesen Weg zu gehen. Anfangs war es Neugier gewesen, dann Gewohnheit. Jetzt war es fast wie ein Zwang. Eine Stimme in seinem Inneren, die sagte: Da ist etwas. Und es wartet auf dich.

Büsche streiften seine Arme, Dornen zogen feine Linien über seine Haut, aber er spürte sie kaum. Seine Schritte wurden schneller. Der Lärm der Stadt lag hinter ihm. Nur noch das Zirpen von Grillen, das Rascheln der Blätter, das leise Rauschen des Windes.

Dann sah er sie.

Die Brücke.

Sie spannte sich wie ein dunkler Bogen aus Metall über das ausgetrocknete Flussbett. Rostig, alt, ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Doch Elias wusste: Diese Brücke war mehr als das. Sie war anders. Fremd. Als würde sie nicht nur Raum überwinden – sondern auch Zeit. Oder Wirklichkeit.

Er trat näher. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte es bisher nie gewagt, sie zu betreten. Bis heute. Er hatte auch nie über sie geredet, weil er immer das Gefühl hatte, dass nur er diese Brücke kennen würde.

Etwas zog ihn, drängte ihn. 

Die schlechte Note, das Unverständnis seines Vaters, die Unsicherheit bei Lena – all das war weit weg. Hier war nur er. Und die Brücke.

Er setzte einen Fuß auf das erste Brett.

Ein Ruck ging durch seinen Körper. Wie Strom, der durch die Knochen schoss. Die Luft schien sich zu verändern – dichter, schwerer, voller Erwartung.

Dann hörte er es. Das Schlagen von Flügeln. Lautlos, schnell. Ein Schatten stürzte aus dem Himmel, landete auf dem Geländer der Brücke.

Ein Rabe.

Groß, schwarz wie die Nacht, die Augen klug und durchdringend. Er sah Elias an, als könne er jede seiner Gedanken lesen. Dann sprach er. Nicht mit einem Schnabel, sondern mit einer Stimme, die direkt in Elias’ Geist drang. Alt. Ruhig. Unbestechlich.

„Du bist spät, Elias Nolte.“

Elias stolperte rückwärts, doch dann prallte er gegen eine unsichtbare Wand. Sein Herz raste.

„Du kannst nicht zurück. Wenigstens nicht heute“, sagte der Rabe mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.

 „Was… was bist du?“

„Ich bin Ravnor“, sagte der Rabe, „Wächter der Brücke. Und du… hast sie gefunden.“

Elias’ Stimme zitterte. 

„Was… was ist das hier?“

Ravnors Kopf neigte sich zur Seite. 

„Eine Schwelle. Zwischen dem, was du kennst – und dem, was du bist. Vertraue dem Wolf.“

Die Luft flimmerte. Die Welt hielt den Atem an. Elias stand auf der Grenze – zwischen Gestern und Morgen, zwischen Kindheit und Verantwortung, zwischen Diesseits und Lysandria.

Er atmete ein.

Und ging einen Schritt weiter.

 

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