Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe

Was bisher geschah…

 

In der nahen Zukunft hat ASTRA Tech die Welt verändert – mit den VIREALs, lebensechten digitalen Begleitern, die in der offiziellen Netzebene und der erweiterten Realität agieren. Sie sind Unterstützung, Helfer, Schutzprogramme – und für viele junge Menschen längst Familie.

Die Studentin Vanessa Coulson erhält während eines Ferienjobs für die Zeitschrift The Gridline den Auftrag, die sogenannten Husks zu untersuchen – mysteriöse, fehlerhafte Avatare, die im Netz ihr Unwesen treiben. Gemeinsam mit ihren beiden VIREALs, dem pantherartigen Wächter Ace und der sarkastischen Schleiereulen-Archivarin Pia, stürzt sie sich in die Ermittlungen. Doch bald zeigt sich: Die Husks sind keine simplen Glitches. Sondern die Überreste von Menschen, deren digitale Identitäten von ASTRA Tech gelöscht wurden.

Eiskalter Mord in höchsten Datensphären.

Zur gleichen Zeit sucht der Hacker Nullbyte, Zeromaru Takaishi nach seiner verschwundenen Mutter. Die Wissenschaftlerin Dr. Evelyn Takaishi war einst an der Entwicklung der VIREALs beteiligt – bis sie ein Geheimnis entdeckte, das ASTRA Tech um jeden Preis vertuschen will. Ihr Avatar wurde vernichtet, ihr Bewusstsein zu einem der datenfressenden Husks.

Gemeinsam kommen Vanessa und Nullbyte einer Verschwörung auf die Spur, die das Fundament der digitalen Welt erschüttern könnte. In einem verzweifelten Kampf gegen ASTRA Techs Executor gelingt es ihnen, Evelyns Daten zu retten – doch die Wahrheit bleibt unvollständig.

Warum musste Evelyn Takaishi verschwinden? Und welche Rolle spielt Richard Kane, der Vater von Vanessas bester Freundin Liora Kane – ein Mann, der tiefer in Project E.V.E. verstrickt ist, als jemand ahnt?

 

***

 

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Er fiel. Nicht durch Raum an sich, sondern durch Rauschen. Linien aus Licht und Fragmente seines Selbst flackerten um ihn herum. Sein Name war –

G-L-N-T. Nein. Zu lang, zu technisch. Ein schwieriges Wort in der Finsternis, die ihm undurchdringlich erschien. Nein. Sein Name war…

Glint.

Glint versuchte, zu atmen. Ein merkwürdiges Gefühl, das seinen Körper dehnte, aber hier gab es keine Luft. Er musste nicht atmen. Atmen war etwas, das Menschen taten. Glint war kein Mensch. Oder? Vorsichtig schlug er mit dem langen, rostroten Schwanz. Menschen hatten keine Schwänze. Und keine Mähnen. Und trugen keine goldenen Masken auf dem Gesicht. Oder?

Eine schimmernde Masse aus kindlicher Musik, bunter Werbung und binärem Gesang brandete gegen ihn wie Wasser. Unter ihm entstand Boden, schwarz, sanft, warm, leise summend. Aber die Farben waren grell, sie schnitten in Glints Gedanken. Spiel mit uns, spiel mit uns, flüsterte es um ihn herum.

Glint stöhnte leise.

Divaland lädt …
Willkommen, kleiner Freund!

 

***

 

Vanessa Coulson unterdrückte ein Gähnen. Kein Mensch sollte zu dieser Stunde wach sein. Schon gar nicht auf dem Weg in den 40. Stock eines Turms von District 4, Highrise Towers. Nicht, wenn der Aufzug nur bis zum 35. Stock fuhr.

Vor den hohen, schmalen Fenstern herrschte noch Dunkelheit, durchbrochen von leuchtenden Reklametafeln und den allgegenwärtigen Bildschirmen, über die VIREALs zu sehen waren. Weit entfernt hörte man das leise Summen der Selfautos, aber um sechs Uhr morgens war in diesem District noch nicht besonders viel los.

Geräuschlos glitt die Tür zum Büro des Magazins The Gridline auf – spezialisiert auf mysteriöse Netzphänomene. Und seit Kurzem, dank Vanessas erstem Artikel, auch mit aktuellen Ereignissen rund um den Tech-Giganten ASTRA Tech.

„Da sind Sie ja, Ms. Coulson“, begrüßte sie eine drahtige Frau mit schwarzen, zu einem strengen Dutt zusammengefassten Haaren. Im Gegensatz zu der Studentin wirkte Cindy Clawford, die HR-Chefin von The Gridline, hellwach. „Danke, dass Sie es so früh hergeschafft haben.“

Vanessa nickte. Zu spät zu kommen hätte sie sich auch gar nicht leisten können. Sie war illegal in eine Netzsperrzone eingedrungen. Gemeinsam mit einem bekannten Hacker hatte sie große Mengen an Daten gestohlen. Nicht, dass Cindy Clawford dafür Beweise hatte. Trotzdem brannten sich ihre stahlgrauen Augen in Vanessas, während sie sie scharf musterte.

„Gibt es ein neues Thema für einen Artikel?“, fragte sie. Ein bisschen aufgeregt war die Studentin doch. Immerhin war das hier ihr erster echter Job. Ihr Weg raus aus den engen, dunklen Straßen von District 4 in die höhergelegenen Bereiche. Näher an den Himmel. Raus aus der Mittelmäßigkeit.

„Allerdings“, bestätigte ihr die ältere Frau und führte Vanessa in einen runden Meetingraum. Ein gigantischer Bildschirm nahm die gesamte Wand ein. Harsches, künstliches Licht flammte bei ihrem Eintreten auf und der Screen erwachte Weiß zum Leben.

„Wir dachten uns, nach Ihren letzten… aufregenden… Erlebnissen sollten wir Ihnen eine angemessenere Aufgabe geben.“

Die Augen der Studentin leuchteten auf. Das klang spannend. Durfte sie weiter zum Megakonzern ASTRA Tech recherchieren? Sie wollte wirklich dringend wissen, wieso einige Wissenschaftler, die für ASTRA gearbeitet hatten, gelöscht – ermordet – worden waren. Zwar fehlten Vanessa die nötigen Beweise, aber sie war sich sicher, dass die Firma Dreck am Stecken hatte.

Oder vielleicht gab es ein neues, geheimnisvolles Netzphänomen, das ihre journalistischen Fähigkeiten prüfen würde. Geister in den Daten? Glitches? Außer Kontrolle geratene Echojäger?

Die HR-Chefin von The Gridline richtete ihr Handgelenk mit der Smartwatch ähnlichen Syncframe auf die Bildschirmwand. Mit einem leisen Piepsen startete die Datenübertragung.

Die Studentin blinzelte.

„Was ist das denn?“, fragte sie irritiert.

Auf dem Screen war ein kleines, rundes, flauschiges Ding zu sehen. Es hatte… Ohren, oder vielleicht Fühler, oder vielleicht zwei dünne Federn auf dem Kopf. Große, blaue Augen starrten blicklos auf sie herab. Das Wesen hatte keine Beine, keine Arme, irgendwie auch keinen richtigen Körper. Es erinnerte Vanessa an Schleim-Monster aus Videospielen, nur, dass dieses Ding hellbraunes, wuscheliges Fell hatte.

„Das ist eine DIVA“, erklärte Cindy Clawford. „Ein Digital Interactive Virtual Agent, oder auch: Ein VIREAL für Kinder.“

„Aha?“ Die Studentin erinnerte sich vage, dass ihr ihre beste Freundin Liora Kane erzählt hatte, dass ein Rivalen-Produkt für die VIREALs auf den Markt kommen sollte. Aber an diesem merkwürdigen, runden, hopsenden Ding wirkte so gar nichts geheimnisvoll. Es war absichtlich auf niedlich getrimmt, mit großen Augen und einem freundlich lächelnden Mäulchen. „Ehm, und… was soll ich da jetzt machen?“

Cindy Clawford warf ihr einen strengen Blick zu.

„Nach Ihrem letzten Artikel hielt es die Chefetage für angebracht, Ihnen ein etwas weniger… dramatisches Thema zu geben. Immerhin ist das hier nur ein Ferienjob für Sie. Aber wir müssen auf unseren Ruf achten.“

Ein kalter Klumpen bildete sich in Vanessas Magengrube. Sie hatte schon gewusst, dass es problematisch sein konnte, schlecht über einen Megakonzern wie ASTRA Tech zu schreiben. Auch nur zu implizieren, dass sie nicht die großherzigen, auf das Menschenwohl bedachten Wohltäter waren, als die sie sich darstellten. Selbst, wenn Vanessa wusste, dass sie Recht hatte. ASTRA Tech war gefährlich.

„Okay…?“, fragte sie vorsichtig.

„Sie werden heute Nachmittag zu einer Live-Demonstration der DIVAs von Neonet gehen – das ist die Firma, die sie vertreibt. Sie stellen sich als Konkurrenten von ASTRA Tech dar.“ Mit einem Tippen auf ihre Syncframe spielte Cindy Clawford einen Werbespot ab.

Er war fröhlich, quietschbunt, und zeigte einen Spielplatz voller Kinder, die mit einer Reihe der runden, hüpfenden Dinger spielte. Übertrieben eingängige Musik spielte im Hintergrund. Ein Mädchen knuddelte eine DIVA, ein Junge räumte gemeinsam mit einem lilafarbenen, fledermausähnlichen Flattervieh – auch dieses ohne Abgrenzung zwischen Kopf und Körper, die kleinen Flügel saßen direkt am dem Rücken – kichernd sein Zimmer auf. Dazu verkündete eine Frauenstimme:

Die DIVA begleitet Ihr Kind durch alle digitalen Lebensräume. Sie lernt, denkt und wächst – genau wie Ihr Kind. Denn Freundschaft endet nicht an der Bildschirmkante!

Mit jedem Satz wurde die Studentin blasser.

Zum Schluss war die flauschige, braune DIVA mit den runden Augen und den Federn auf dem Kopf zu sehen. Mit einem ausdruckslosen Lächeln verkündete sie: „Wir sind deine DIVAs. Spiel mit uns! Lass uns gemeinsam Spaß haben!

Als der Bildschirm sich ausschaltete, fragte sich Vanessa, ob sie im falschen Film gelandet war. Sie sollte… ja, was eigentlich? Sich anschauen, wie irgendein Werbeheini auf einer Bühne ein… ein etwas aufgehübschtes, intelligenteres Virtual Pet präsentierte? Wo war die Spannung? Das Geheimnis?

„Soll das ein Witz sein?“, entfuhr es ihr.

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