Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe

Theodor Turner rückte die kleine silberne Brille auf seiner Nase zurecht und griff zu einem Dokument, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

„Ich habe die Papiere nach Ihren Wünschen ausgestellt, Mr. und Mrs. Carter. Doch als der vom Territorium Colorado bestellte Rechtspfleger und Notar für die Stadt Golden City und die umliegenden Ländereien muss ich Sie noch einmal auf die geltende Rechtslage hinweisen. Und ich muss Sie noch einmal nachdrücklich fragen, ob das, was in diesen Papieren steht, Ihr ehrlicher Wunsch ist.“

Lillian Carter, die auf der anderen Seite des Schreibtisches saß, atmete schwer. Die Trauer und die Sorgen, die der Verlust ihres Mannes bei ihr ausgelöst hatte, waren der Frau in der Mitte der Fünfziger deutlich anzusehen. Ihr ältester Sohn Samuel, der neben ihr saß, ergriff ihre Hand. Lillian nickte dem Rechtspfleger zu.

„Wenn es sein muss, dann bitte.“

„Zunächst habe ich natürlich die Besitzverhältnisse prüfen müssen“, hob der Notar an, „es gibt keinen Zweifel daran, dass Clive Carter das Land im Clear Creek Valley nach den Regeln des Homestead Act erworben hat und deren rechtmäßiger Besitzer war.“

Theodor Turner räusperte sich.

„Da ihr Mann kein Testament aufgesetzt hatte, bevor er verstarb …“

„Ermordet wurde“, korrigierte Lillian mit bitterer Stimme.

„Ermordet wurde“, wiederholte der Rechtspfleger leise, „greifen in diesem Fall die Regeln des Territoriums Colorado. Von Gesetzen können wir bis jetzt nicht sprechen, da wir noch kein Staat sind. Diese Regeln besagen, dass Ihnen, Mrs. Carter, ein Witwengeld zusteht, genauso wie ihren vier jüngeren Kindern ein Erbanteil zu zahlen wäre. Das Recht, die Brookside Ranch in Zukunft zu führen, liegt aber als dem ältesten männlichen Nachfahren eindeutig bei Ihnen, Mr. Carter. Sind Sie sich vollkommen sicher, dass Sie auf dieses Recht verzichten und die Führung des Betriebs in die Hände Ihrer Mutter legen wollen?“

„Ja, ich bin mir vollkommen sicher. Und auch meine Geschwister sehen das so. Es gibt niemanden auf dieser Welt, der sich so sehr dafür einsetzen wird, dass der Traum meines Vaters in Erfüllung geht, wie meine Mutter. Sie wird aus der Brookside Ranch den größten Rinderzuchtbetrieb in Colorado machen, vielleicht sogar die größte Ranch in den ganzen Rocky Mountains. Und wir, ihre Kinder, werden Sie dabei unterstützen. Wenn es sein muss, bis zum letzten Blutstropfen.“

Man konnte Theodor Turner deutlich ansehen, dass er diese felsenfeste Überzeugung des Mittdreißigers keinesfalls teilte. Er seufzte leise, als er Lillian Carter und ihrem Sohn die Dokumente herüberschob.

Mutter und Sohn überflogen die Texte, und der Notar wunderte sich heimlich, dass beide Siedler aus dem Osten offenbar lesen und schreiben konnten. Unter den meisten Verträgen, die Turner mit solchen Neuankömmlingen zu verhandeln hatte, fanden sich nur drei krakelige Kreuze.

Lillian Carter griff zu dem Füllhalter, der auf dem Schreibtisch bereitstand, setzte ihre schwungvolle Unterschrift unter die notariellen Papiere und schob sie zu ihrem ältesten Sohn herüber. Auch der junge Mann unterschrieb, ohne zu zögern und reichte die Dokumente dem Rechtspfleger über den Schreibtisch, der sie mit Stempel und seiner eigenen Unterschrift beglaubigte. 

Theodor Turner wollte gerade das Kästchen schließen, in dem er das Siegel des Territoriums Colorado aufbewahrte, als von der Straße Schüsse zu hören waren.

Samuel Carter sprang auf und eilte zum Fenster. Dabei fasste er sich instinktiv an den rechten Oberschenkel. Doch Revolvergurt und Waffe hatte er genauso im Vorzimmer an die Garderobe gehängt wie seinen Hut. Betty, Theodor Turners Sekretärin, hatte ihn darum gebeten.

Das Büro des Notars lag in einem Haus im ersten Stock an der Mainstreet, genau gegenüber vom Golden Nuggets, dem einzigen Saloon in Colorados Hauptstadt Golden City. Vor dem Saloon auf der staubigen Dorfstraße, für die der Name Main Street reichlich großkotzig klang, standen drei junge Kerle und feuerten mit ihren Revolvern in die Luft. Dabei schwankten diese offensichtlich betrunkenen Burschen so sehr, dass Samuel die Sorge hatte, eine Kugel könnte sich in das Büro des Rechtspflegers verirren. Doch schnell waren die Trommeln leer geschossen und die Drei torkelten zurück in den Saloon.

„Das waren die Reynolds-Söhne, die lassen hier öfter mal Dampf ab. Ich verstehe nicht, dass ein Mann wie Thomas Reynolds seine Burschen nicht in den Griff kriegt“, sagte Theodor Turner, der hinter Samuel Carter ans Fenster getreten war.

„Na ja, diesmal haben Sie wirklich was zu feiern.“

Lillian Carter sah den Rechtspfleger fragend an. Die Witwe wusste, dass Thomas Reynolds eine große Farm östlich von Golden City besaß, hatte aber noch nie mit ihm persönlich zu tun gehabt. Ihr Mann Clive hatte in den ersten Monaten mit dem Farmer mal über die Lieferung von Winterfutter verhandelt, doch die Gespräche waren ergebnislos im Sande verlaufen. Ihr Mann hatte damals keinen besonders guten Eindruck von Mr. Reynolds gewonnen, aber darauf hatte sie nicht viel gegeben. Das konnte schnell passieren, wenn Clive nicht das bekam, was er wollte.

„Was haben sie denn zu feiern mitten in der Woche?“

Theodor Turner sah die Rancher-Frau erstaunt an.

„Sie wissen das nicht? Gestern ist eine Vorentscheidung gefallen, dass die Union Pacific Railroad die Streckenführung ihrer Eisenbahn jetzt doch östlich zwischen Golden City und Denver hindurchführt.“

„Was?“ 

Lillian Carter war auf ihrem Sessel in sich zusammengesunken.

„Mein Vater hat das Land im Clear Creek Valley für die Brookside Ranch auch deshalb gekauft, weil die Union Pacific ihm zugesichert hatte, dass die Strecke westlich an Golden City vorbeigeführt wird“, erläuterte Samuel Carter.

Theodor Turner hatte wieder an seinem Schreibtisch Platz genommen.

„Ich weiß das. Aber natürlich hatte Thomas Reynolds schon immer ein Interesse daran, dass die Eisenbahn auf der Seite der Stadt verläuft, auf der seine Farm liegt. Das ist doch der Grund, warum er sich als Vorsitzender im Stadtrat von Golden City dafür einsetzt, dass in Zukunft nicht seine Stadt, sondern Denver die Hauptstadt des Staates Colorado wird. Und bei all dem hat er einen wirklich einflussreichen Verbündeten.“

„Einflussreichen Verbündeten? Wen?“, fragte Lillian Carter.

„Franklin Hayes, den lokalen Vertreter der Eisenbahngesellschaft.“

„Aber der ist doch seinem Unternehmen verpflichtet. Und damals hieß es, dass die westliche Route einfach kostengünstiger ist.“

Theodor Turner sah, dass Lillian Carter mit den Tränen kämpfte. Aber er hätte nicht sagen können, ob es Tränen der Enttäuschung oder Tränen der Wut waren.

Der Notar rang mit sich, ob er das, was ihm auf der Zunge lag, wirklich sagen sollte. 

„Wie man hört, ist Hayes in erster Linie sich selbst verpflichtet und Thomas Reynolds ist ein sehr reicher Farmer.“

„Goldgräber haben Ihren Mann erschossen. Aber der Konflikt ist immer noch da, und Sie werden sich damit auseinandersetzen müssen. Und jetzt auch noch das.“

Lillian Carter schwieg. Theodor Turner tippte auf die frisch unterschriebenen Dokumente.

„Die kann ich noch verschwinden lassen.  Und ich kann Ihnen helfen, einen Käufer für die Brookside Ranch zu finden. Soll ich mich dafür starkmachen?“

Lillian Carter sah ihm in die Augen, und der Notar kannte die Antwort.

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