
Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe
Die Nachmittagssonne lag wie flüssiges Gold auf dem Anwesen der Familie Hargrove. Sie tauchte die weitläufige Terrasse in ein warmes Licht, das den weißen Marmorboden beinahe zum Leuchten brachte. Ein leichter Wind strich durch die hohen Zypressen am Rand des Grundstücks, ließ ihre schlanken Kronen rauschen und kräuselte die Oberfläche des Pools. Das Wasser schimmerte türkisfarben und war so klar, dass man jede Einzelheit des hellen Bodens erkennen konnte.
Auf einer der Liegen, halb im Schatten eines großen Sonnenschirms, lag Emily Hargrove und blätterte lustlos in einem Magazin. Sie war siebzehn, hatte das dunkle Haar ihrer Mutter und die feinen Gesichtszüge ihres Vaters geerbt. Wer sie hier liegen sah, musste glauben, dass sie ein Leben ohne Sorgen führte.
Emily schlug eine Seite um, ohne zu lesen. Sie war hierher zurückgekommen, um Ruhe zu finden. Hinter ihr lagen drei Monate, die eigentlich alles hätten verändern sollen. Drei verdammte Monate, an die sie sich jetzt nur noch wie durch einen grauen Nebel erinnerte. Doch die innere Anspannung war immer noch da.
Sie verzog das Gesicht. Das hätte nicht sein dürfen, nicht hier. Dieses Haus war immer ihr Rückzugsort gewesen, hier hatte sie Ordnung und Sicherheit gefunden. Aber es stand auch für das, was sie hatte hinter sich lassen wollen: die Jagd nach Geld und Erfolg, die ihre Eltern antrieb, den seelenlosen Luxus, mit dem sie sich dafür belohnten, und die Begegnungen mit Menschen, die etwas von den Hargroves wollten oder umgekehrt. Vor all dem war sie geflohen. Sie hatte nach dem genauen Gegenteil gesucht, nach etwas in sich selbst, das Bestand hatte. Vielleicht nach Erleuchtung oder Gott oder etwas, für das es gar kein Wort gab.
Emily schloss die Augen. Bilder blitzten auf, Erinnerungen an Räume im Kerzenlicht und an Menschen, deren Worte sie nicht mehr ganz zusammenbekam. Spirituelle Erfahrungen hatte man ihr versprochen. Ihren Eltern hatte sie davon nichts erzählt, und dabei musste es bleiben. Doch eines wurde ihr immer klarer: Sie hatte sich an einen Ort verirrt, an dem Gott und der Teufel die beiden Seiten derselben Karte waren.
„Backpacking in Europa“, murmelte sie mit einem bitteren Lächeln.
Paris, Barcelona, Florenz. Das war die Geschichte gewesen, die sie erzählt und die man ihr bereitwillig abgenommen hatte. Ihre Mutter hatte sie sogar noch ermutigt.
„Das wird dir guttun, Emily. Die Welt sehen, dich selbst finden.“
Wenn sie wüsste. Ihr Vater dagegen hatte zunächst nichts davon hören wollen.
„Allein? Drei Monate? Kommt überhaupt nicht infrage.“
Schließlich gab er widerwillig nach, weil ihre Mutter darauf bestanden hatte. Nun erzählte Emily ihren Eltern aus Reiseführern zusammengeklaubte Geschichten und versuchte gleichzeitig zu verarbeiten, was wirklich hinter ihr lag. Kein Wunder, dass sie nicht zur Ruhe kam.
Sie spürte ein dumpfes Ziehen in der Brust, einen Druck, der nicht weichen wollte. Emily setzte sich auf und fuhr sich durch die Haare.
„Das ist normal“, sagte sie leise zu sich selbst.
Man konnte diese drei Monate nicht einfach abschütteln wie Staub von der Kleidung. Das brauchte Zeit, ein paar Tage vielleicht oder eine Woche. Dann würde sie wieder die Alte sein. Daran musste sie jetzt glauben.
Sie ließ den Blick über das Grundstück schweifen. Der gepflegte Rasen, die akkurat geschnittenen Hecken, das kleine Gartenhaus – alles war so, wie sie es kannte. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Emily griff nach dem Magazin, ließ es jedoch gleich wieder sinken. Ihre Finger waren unruhig, und das Ziehen in ihrer Brust wurde stärker.
„Reiß dich zusammen“, murmelte sie.
Drinnen im Haus lief leise Musik. Irgendwo klirrte Glas; vermutlich bereitete das Personal den Aperitif für den Abend vor. Ihre Eltern würden wie immer erst später zurückkommen.
Emily stand auf und ging barfuß zum Pool. Die Hitze des Tages lag noch auf den Steinplatten, doch sie nahm sie kaum wahr. Das Wasser sah kühl und einladend aus. Vielleicht würde ein Bad helfen. Sie tauchte die Zehenspitzen hinein und atmete langsam aus.
Für einen kurzen Moment ließ der Druck nach, dann kehrte er verstärkt zurück. Zugleich hörte sie ein leises Knistern.
Emily erstarrte.
„Hallo?“, rief sie in Richtung Haus.
Niemand antwortete. Das Knistern wurde lauter, ein trockenes Geräusch, als würde etwas sehr Feines zerbrechen. Sie drehte sich langsam um. Die Zypressen standen still, kein Vogel war zu hören. Auch der Wind hatte sich gelegt. Doch das Geräusch kam weder aus den Bäumen noch aus dem Haus.
Es kam aus ihr.
Emily hob die Hand. Ihre Finger zitterten, und für einen Augenblick glaubte sie, die Luft über ihrer Haut flimmern zu sehen.
„Nein“, flüsterte sie.
Das Flimmern verschwand, und auch das Knistern verstummte. Emily lachte nervös.
„Du bist einfach noch durch“, sagte sie zu sich selbst. „Das geht vorbei.“
Da setzte unter ihrer Haut ein Prickeln ein, als drängen tausend winzige Nadeln in sie. Sie keuchte auf. Das Prickeln ging in Hitze über, die in ihrer Brust begann, genau dort, wo sie den Druck gespürt hatte. Von dort breitete sie sich über ihren Bauch, ihre Arme und ihren Hals aus.
„Nein … nein …“
Emily wich vom Pool zurück. Ihr Atem ging schneller, und das Knistern war wieder da. Dann traf sie ein Schmerz, so heftig, dass sie aufschrie. Ihre Knie gaben nach, und sie sank gegen die Liege. Mit beiden Händen krallte sie sich in den Stoff.
„Hilfe!“
Keine Antwort. Die Hitze wurde unerträglich. Emily sah an sich hinunter und bemerkte ein rötliches Leuchten unter ihrer Haut. Es bewegte sich, als flösse Feuer durch ihre Adern.
„Das ist nicht … möglich …“
Ein feiner Riss zog sich über ihre Handfläche. Doch statt Blut drang Licht daraus hervor. Eine kleine Flamme züngelte aus der Öffnung und wurde größer. Emily schrie und riss die Hand hoch. Ein zweiter Riss erschien, dann ein dritter. Innerhalb weniger Sekunden war ihre Haut von feinen Linien durchzogen, aus denen Flammen schlugen.
„Hilfe!“
Sie stemmte sich von der Liege hoch und stolperte zum Pool. Am Rand brach sie auf die Knie und tauchte die brennenden Hände ins Wasser. Für einen Augenblick hoffte sie auf Linderung, doch dann brach das Feuer mit einem dumpfen Geräusch aus ihrem ganzen Körper hervor.
Die Flammen waren dunkler als jedes Feuer, das sie je gesehen hatte. Sie breiteten sich über ihren Körper aus, ohne Rauch zu entwickeln oder auf die Umgebung überzugreifen. Nur sie brannte.
Emily schlug schreiend um sich, verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Pool. Doch auch jetzt gab es kein Zischen, keinen aufsteigenden Dampf. Das Wasser löschte die Flammen nicht. Sie brannte weiter.
Ihre Bewegungen wurden schwächer. Ein letztes heiseres Wimmern kam über ihre Lippen, dann verstummte sie. Die Flammen loderten noch einen Moment, bevor sie erloschen. Zurück blieb ihr verkohlter, verkrümmter Körper im Wasser.
Die Sonne schien weiter. Im Haus spielte noch immer die Musik.
