Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe

Die Nacht auf Ibiza hatte ihr eigenes Tempo. Die Hitze des Tages hing noch in den Mauern der weißen Villa über der Bucht von Sant Josep, während von der Poolterrasse aus Lichter über das Wasser flimmerten. Ein DJ in glitzernder Weste stand auf einer Brücke über dem Pool und ließ die Bässe wummern. Die Gäste, die sich nicht gerade im kühlen Nass abkühlten, saßen in Bikinis und Badehosen an kleinen Tischen, auf denen Champagnerflaschen wie glitzernde Soldaten standen. Hinter einer Bar im Karibik-Look mixte eine dunkelhäutige Schönheit Cocktails.

Die Villa selbst war ein Monument des Überflusses: weiße Travertinböden, Glasfronten zum Meer, die sich mit einem Fingertippen öffneten, und eine Sammlung moderner Kunst, die in Deutschland ganze Museumsetagen füllen könnte. Am Rand des Infinity-Pools spiegelte sich das Logo einer exklusiven Immobilienagentur – ein diskreter Hinweis darauf, dass hier Geld floss, das niemals in Bilanzen auftauchte.

Elena Vogt fühlte sich leicht. Sie war erst zwanzig, Tochter einer deutschen Unternehmerfamilie, deren Name in Süddeutschland an Fabrikfassaden prangte. Doch hier, unter den Palmen, war sie nur Elena. Keine Erwartungen, keine Tradition, nur Musik, Freundinnen und diese wunderbar laue Nacht.

Sie trug ein weißes Kleid aus Seide, das im Licht der Poollampen beinahe durchsichtig schien. Ihre Haut war vom Tag in der Sonne noch warm, der Schmuck schlicht, aber teuer – ein Geburtstagsgeschenk ihres Vaters, den sie an diesem Abend lieber vergessen wollte.

„Elena, komm!“, rief Lisa, ihre Studienfreundin aus London, die bereits halb im Pool hing und sich lachend Wasser über den Kopf goss. Elena lachte, hob ihr Glas an und tanzte zwei Schritte, während die Kamera eines Influencers sie einfing. Später würde sie die Fotos auf irgendeiner Insta-Seite sehen, würde sich vielleicht ärgern, wenn sie nicht gut getroffen war, oder wenn sich der Alkohol zu deutlich in ihren Augen spiegelte. Aber jetzt war ihr das völlig egal, jetzt zählte nur der Augenblick.

Jemand legte ihr beiläufig die Hand auf die Schulter. Ein Mann, vielleicht Mitte dreißig, gebräunte Haut, Leinenhemd. Er stand schon eine Weile am Rand, betont unauffällig.

Sein Blick war ruhig, fast zu ruhig für diesen Ort. Die Adern an seinem Hals traten leicht hervor, als hielte er die Luft an. Ein goldener Siegelring an seiner Hand blitzte im Licht auf – kein Tourist, eher jemand, der wusste, wem diese Villa wirklich gehörte.

„Alles gut mit dir?“, fragte er leise, als sie sich zu ihm drehte.

„Perfekt“, schrie Elena gegen den Bass an und lachte, ehe sie wieder auf die Tanzfläche zurückkehrte. Der Mann lächelte kaum merklich.

Die Party tobte bis in die frühen Morgenstunden. Irgendwann verschwammen die Gesichter, nur das Lichtspiel und der Geschmack von Wodka, gemischt mit dem salzigen Wind vom Meer, blieben. Elena kippte noch ein Glas, dann legte sie sich auf eine Lounge am Pool. Ihre Lider wurden schwer, die Musik verklang, und das Letzte, was sie hörte, war Lisas Lachen in der Ferne.

Der nächste Morgen hatte etwas Mitleidloses an sich. Die Sonne brannte gnadenlos auf die Terrasse, als die ersten Polizisten der Guardia Civil eintrafen. Die Musik war längst verstummt, leere Flaschen und verstreute High Heels zeugten von einer wilden Nacht. Am Rand des Pools lag Elena, regungslos, das Haar noch feucht, die Haut blass.
Eine Libelle schwirrte über das unbewegte Wasser, als wolle sie prüfen, ob hier noch Leben war. Der Geruch von Chlor und billigem Parfum lag in der Luft.

„Overdose“, murmelte ein Beamter und machte ein paar routinierte Notizen, „una más.“
Noch eine Leiche in einer Reihe von Partyopfern, die niemanden auf Ibiza ernsthaft überraschte.

Ein Sanitäter überprüfte den Puls, schüttelte den Kopf und zog die Decke über das Gesicht der jungen Frau. Lisa, ihre Freundin, schluchzte in den Armen eines anderen Gastes.
„Sie hat doch nur getrunken, sie nimmt sonst nichts, nie!“, brachte sie stockend hervor. Doch die Beamten hörten kaum hin.

Plötzlich war das Knirschen schwerer Reifen auf dem Kies vor der Villa zu hören. Ein schwarzer Geländewagen hielt, und ein Mann stieg aus. Groß, grau meliertes Haar, maßgeschneiderter Anzug, obwohl die Hitze ihn fast erdrückte. Martin Vogt, Elenas Vater, wirkte wie jemand, der es gewohnt war, Probleme zu lösen – notfalls mit Geld. Doch in diesem Moment lag eine Härte in seinen Zügen, die etwas anderes verriet. Vielleicht Verzweiflung, vielleicht Wut.

Er sah sich um, als suche er den Schuldigen zwischen den leeren Flaschen und den schweigenden Gesichtern. Der Geruch von Sonnencreme, Alkohol und Tod mischte sich zu einer Erinnerung, die nie wieder vergehen würde.

„Quién está a cargo aquí?“, fragte er in passablem Spanisch.

Der diensthabende Kommissar trat vor, salutierte halbherzig und zeigte seine Papiere.
„Ihre Tochter wurde tot aufgefunden. Offensichtlich eine Überdosis“, erklärte er nüchtern.

„Das glaube ich nicht“, entgegnete Vogt sofort. Seine Stimme war fest, doch seine Hand zitterte leicht, als er eine Zigarette aus der Packung zog. „Elena hat keine Drogen genommen. Sie war jung, ja, aber nicht dumm.“

Der Kommissar hob die Schultern.

„Señor Vogt, wir haben die Leiche gesichert, es wird eine Obduktion geben. Aber…“, er ließ den Satz offen, „auf Ibiza passieren solche Dinge jede Woche.“
Vogts Blick verfinsterte sich.

„Dann erwarte ich, dass Sie diesen Fall gründlicher behandeln als Ihre üblichen Partyopfer.“

„Wir tun, was wir können“, antwortete der Polizist, ohne große Überzeugung.

Martin Vogt wandte sich ab, zündete die Zigarette an und ging ein paar Schritte auf die Terrasse hinaus. Sein Blick blieb auf der Poolumrandung haften, auf der Stelle, an der seine Tochter gelegen hatte. Das Geräusch der Zikaden schrillte in der Hitze des späten Vormittags, und für einen Moment wirkte es, als wolle er die Welt mit bloßen Händen anhalten.

Dann griff er zum Telefon.

„Alexander Falk?“, fragte er, als die Leitung stand. Seine Stimme war nun tiefer, kontrolliert, aber im Kern gebrochen.

„Martin Vogt hier. Ich brauche Ihre Hilfe. Meine Tochter Elena ist tot. Die Guardia Civil sagt, es war eine Überdosis. Aber ich weiß, dass das nicht stimmen kann. Da steckt mehr dahinter.“

Die Verbindung knisterte, doch die Antwort kam klar und deutlich auf Ibiza an:
„TIS übernimmt.“

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