Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe

Tina Dawson hatte einen wirklich guten Abend hinter sich gebracht. Die „Rocky Mountain Lounge“ war schon früh rappelvoll, und das blieb auch so bis weit nach Mitternacht. Der Alkohol floss in Strömen, und die Stimmung war ausgelassen, aber weitgehend friedlich. Die unvermeidlichen kleineren Prügeleien wurden auf der Straße ausgetragen, was sich immer schonend auf das Inventar einer Bar auswirkte. Auch die Mädchen waren zufrieden. Die Gäste hatten sich in den Zimmern im ersten Stock überwiegend freundlich und spendabel gezeigt. Und wenn nicht, wussten sich die Frauen schon zu helfen. Einen größeren Zwischenfall, wie kürzlich mit Franklin Hayes, dem lokalen Vertreter der Union Pacific Railroad, hatte es an diesem Abend jedenfalls nicht gegeben. Tina Dawson hatte die Situation vor einigen Tagen souverän gemeistert, auch dank der tatkräftigen Mithilfe von Brian, ihrem Barkeeper, und insbesondere der von Ben Carter, ihrem Geliebten.

Am Ende war es heute fast drei Uhr, als sie sich von Brian, ihrem engsten Mitarbeiter, verabschiedete. Brian bewohnte ein kleines Zimmer direkt hinter der Küche der „Rocky Mountain Lounge“, und das tat er schon seit Tinas Kindheitstagen. Natürlich wohnte er dort auch weiter, nachdem die alten Dawsons auf so grausame Weise ums Leben gekommen waren und Tina, die seinerzeit gerade mal 20 Jahre alt war, unverhofft zur Chefin des Etablissements wurde. Ohne Brians tatkräftige Unterstützung hätte sie das damals nie geschafft.

„Sehr guter Abend, Boss. Also, schlaf gut“, knurrte Brian zum Abschied.

„Sehr gute Arbeit, Brian“, erwiderte Tina Dawson, „schlaf du auch gut. Morgen kommt eine große Getränkelieferung aus Denver. Da werden wir alle Hände voll zu tun haben.“

Ihre eigene Wohnung lag im obersten Stockwerk des Gebäudes über den Zimmern der Mädchen. In diesen Räumen war sie zur Welt gekommen und hatte hier ihre Kindheit verbracht, und eigentlich war es immer noch die Wohnung ihrer Eltern. Sie hatte in den vergangenen zehn Jahren praktisch nichts verändert, und das würde vermutlich auch so bleiben, denn die Zukunft war ungewiss. Natürlich hoffte sie, dass Benjamin Carter bald um ihre Hand anhielt. Aber was würde das bedeuten? Ben war der älteste Sohn und die rechte Hand einer Farmerin im Clear Creek Valley, und sie selbst die Chefin einer Bar mit Bordellbetrieb. Tina Dawson hatte diese Farmerin, Lillian Carter, noch nie zu Gesicht bekommen. Aber irgendwie flößte ihr diese Frau einen Heidenrespekt ein, nach allem, was sie bisher gehört hatte. Und natürlich war der jungen Frau bewusst, dass eine 30-jährige Puffbesitzerin nicht gerade das Idealbild einer Schwiegertochter darstellte.

Tina Dawson legte sich in ihr Bett und drehte die Petroleumlampe herunter. Ihre letzten Gedanken galten Ben. Sie vermisste ihn. Aber auf der Brookside Ranch wurden morgen in aller Frühe 350 Rinder erwartet, und da musste der älteste Sohn natürlich vor Ort sein. Ben glaubte nicht, dass es möglich war, allen 350 Tieren an einem Tag das Brandzeichen der Brookside Ranch zu verpassen, und dann musste die Herde auch noch zu den Sommerweiden oben an den Rocky Mountains getrieben werden. Also würde sie auch morgen und übermorgen auf ihren Geliebten verzichten müssen. Tina seufzte tief und schloss die Augen.

Doch schon zwei Stunden später wachte sie mit einem mehr als unguten Gefühl im Magen wieder auf. Über ihr an der Decke tanzten seltsame Schatten, und dann sah sie ein merkwürdiges Flackern vor ihrem Fenster. Das Haus brennt, war ihr erster Gedanke. Doch das Schauspiel, das sich ihr bot, als sie auf die Straße unter ihr blickte, war noch besorgniserregender. Dreißig bis vierzig Männer mit Fackeln in ihren Händen hatten sich vor der „Rocky Mountain Lounge“ versammelt. Kaum hatten die Menschen die Frau am Fenster entdeckt, stimmten sie das Lied an: „Näher, mein Gott, zu dir“.

Tina Dawson riss die Zimmertür auf und stürmte die Treppe herunter. Doch als sie den Gastraum erreicht hatte, sah sie, dass Brian bereits die Vordertür geöffnet hatte. Ein gewaltiger Donnerschlag übertönte den Gesang der Menge, als der Barkeeper mit seiner abgesägten Schrotflinte einen Schuss in den Himmel abgab. Die Männer, die sich auf der Straße versammelt hatten, wichen instinktiv einen Schritt zurück, und das fromme Lied erstarb auf ihren Lippen. Einige Sekunden lang geschah nichts. Dann erkannte Tina, die mittlerweile neben Brian stand, wie sich ein älterer Mann mit einem langen weißen Bart aus der Menge löste und vortrat.

„Drückt mich auch Kummer hier, drohet man mir, soll doch trotz Kreuz und Pein dies meine Losung sein: Näher, mein Gott, zu dir“, zitierte der Greis mit sanftem, pastoralem Ton den Text des Liedes. Doch schon bei den nächsten Sätzen konnte er den Fanatismus in seiner Stimme kaum noch verbergen.

„Das Territorium Colorado ist Gottes eigenes Land“, setzte der Mann zu einer offensichtlich vorbereiteten Rede an, „und wir, das Colorado-Reinheitsbündnis, haben vom Herrn den Auftrag erhalten, uns hier niederzulassen und diese wunderschöne Gegend von der Sünde zu befreien. Und bei diesem Sündenpfuhl hier werden wir den Anfang machen.“

Brian wollte gerade wieder seine Schrotflinte heben, als Tina ihm die Hand auf den Arm legte.

„Wie wollen Sie das denn anstellen?“, fragte die Unternehmerin mit fester Stimme, „ich habe eine offizielle Konzession des Stadtrats von Golden City, und ich glaube kaum, dass dieses Gremium meine Schankgenehmigung widerrufen wird. Immerhin sind etliche Mitglieder gute und gern gesehene Gäste in meiner Bar.“

Der Mann mit dem langen weißen Bart setzte ein unverschämtes Lächeln auf.

„Vergessen Sie nicht, dass wir den Herrgott auf unserer Seite haben. Er wird uns zum Sieg über die Sünde führen.“

Tina lächelte in die Runde.

„Ich habe da eine bessere Idee. Kommen Sie bitte heute Abend in meine Bar. Ich spendiere Ihnen allen einen ordentlichen Drink auf gute Nachbarschaft.“

Tinas Lächeln wurde noch etwas breiter.

„Für Sie selbst mag das vielleicht nichts mehr sein. Aber ich kann den jüngeren Herren Ihrer Gemeinde versprechen, dass meine Mädchen ihnen ein himmlisches Erlebnis bereiten können, das sie so schnell nicht wieder vergessen werden.“

Kaum hatte sie den Satz beendet, als aus dem ersten Stock dutzendfaches Gekicher und Gelächter erklang. Dort waren die Mädchen von dem Lärm auf der Straße und Brians Schuss in die Luft aufgewacht und ans Fenster getreten, und zwar so, wie sie im Bett gelegen hatten. Tina brauchte nicht nach oben zu schauen, um zu wissen, dass bei Weitem nicht alle dabei ein Nachthemd getragen hatten.

Und führe uns nicht in Versuchung“, rief der Alte entsetzt aus, als sein Blick nach oben zu den Fenstern im ersten Stock wanderte, doch Tina konnte gut erkennen, dass sich das Entsetzen bei etlichen der anderen Männer ziemlich in Grenzen hielt.

„Wir werden jetzt abziehen“, sagte der Mann mit dem weißen Bart schließlich, „aber ab jetzt werden wir jeden Abend hier sein und die Sünder, die zu ihnen wollen, mit Gebeten und frommen Liedern auf den Weg Gottes geleiten. Und das ist nur der Anfang. Da können Sie sich sicher sein.“

Der Anführer gab ein unmissverständliches Zeichen, und die Menge setzte sich die Straße hinunter in Bewegung.

Die Mädchen im ersten Stock klatschten in die Hände, und die eine oder andere konnte es sich auch nicht verkneifen, zum Abschied mit ihren Brüsten zu wippen. Brian ließ seine abgesägte Flinte aufschnappen und warf die leere Patronenhülse auf die Straße. Der Barkeeper sah ausgesprochen fröhlich aus. Doch Tina Dawsons Laune war nicht ganz so gut. Sie ahnte, dass schwere Zeiten auf sie zukommen könnten, wenn der alte Mann mit dem weißen Bart seine Ankündigung wirklich wahrmachen würde.

 

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