Kapitel 1 - Kostenlose Leseprobe

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Sirius Cleve setzte sich mit einem Keuchen im Bett auf. Seine Augen huschten verwirrt in dem kleinen Raum umher. Sie hüpften von Punkt zu Punkt, ohne etwas wirklich wahrzunehmen. Blumen auf einem Fensterbrett. Komische, pelzige Kreaturen mit toten Augen auf einem Kästchen neben ihm. Lautes, hektisches Flickern und Piepsen auf einem Monitor.

„Glint? Glint!“

Schwarze Leere kochte in seinem Inneren. Dort, wo sein Freund Glint sitzen sollte. Panik zuckte durch seinen Körper. Sirius spürte, wie sein Herz raste, wie sich Schweiß auf seiner Stirn sammelte.

„Glint!!!“

„Hier, ich bin hier“, ertönte eine dünne Stimme vom Boden.

Sirius beugte sich über die Bettkante, wobei ihm fast der Kopf gegen die eiserne Bettkante schlug. Etwas Schweres zog an seinem Schädel. Mit zitternden Fingern riss er es sich herunter – ein Helm lag in seiner Hand.

Schrilles Kreischen erfüllte mit einem Mal den Raum. Es schmerzte in Sirius‘ Ohren und trieb ihm Tränen in die Augen.

„Sirius!“

Verschwommen sah der Junge seinen Drachenfreund auf dem Teppich neben dem Bett. Er taumelte von der Matratze. Seine bloßen Füße brannten vor Kälte auf dem Linoleumboden. Aber da war Glint.

Zusammengerollt und zitternd. Die goldene Maske auf seiner Stirn glomm matt. Glint schaute Sirius aus großen, grauen Augen an. Die grüne Mähne, die sich bis zu seinem dünnen Schwanzende zog, war gesträubt. Sein kupferfarbenes Fell wirkte matt.

Einen Moment schauten sich Junge und Drachenwesen an. Das Kreischen der medizinischen Geräte um sie herum trat in den Hintergrund. Erinnerungen zuckten wie Lichtblitze durch Sirius‘ Kopf. Sie schmerzten und hinterließen verwirrende, widersprüchliche Gefühle.

Ein großes, leeres Zimmer mit einem Weihnachtsbaum in der Ecke. Eine Frau mit dunkelblondem Haar, die lächelte und beruhigend auf ihn einredete, während Sirius‘ Kopf sich anfühlte, als würde er gleich platzen. Ein riesiger Spielplatz mit wuscheligen, bunten Fantasiewesen. Eine unendliche, schwarze Fläche und Kabelwürmer, die ihn-sie-uns fesselten.

Dann knackte ein Bildschirm gegenüber des Betts, in dem Sirius geschlafen hatte. Flackernd erwachte er zum Leben.

„Was zum…?“, ertönte eine alarmierte Stimme aus dem Monitor. Eine Art Adler saß dort und starrte mit großen Augen auf Mensch und Drachenwesen. Der Adler hatte spitze, blaue Federn, deren Enden schwarze Pixel wie Tinte klecksten.

„Sirius! Setz den Syncnode wieder auf!“

Sirius starrte den Lexeve-Adler an. Er wirkte wie ein echtes Wesen. Ein bisschen wie Glint, aber auch wieder nicht. VIREAL, murmelte eine Erinnerung in seinem Kopf. Der Adler war ein Datenwesen, ein virtueller Helfer und Begleiter. Ein VIREAL. Glint war… auch ein VIREAL? Aber der kupferfellige Drache war anders als dieser Analyse-Adler. Ganz anders.

„Mach, dass es aufhört!“, schrie Sirius und presste sich beide Hände auf die Ohren. Der Raum war viel zu laut. Alles piepste und surrte und zischte. Das tat weh. „Mach, dass alles aufhört! Ich will das nicht!“

„Code Rot!“, schrie der Adler und trug seinen Teil zur Kakophonie bei. „Sofort Pfleger nach 22b! Sofort Pfleger nach 22b zu Cleve!“

„Geh weg!“ Sirius wimmerte. Er wollte nur hier weg. Raus aus diesem Zimmer, raus aus diesem Gebäude. Irgendwohin, wo er in Ruhe nachdenken konnte.

Etwas krachte durch seinen Kopf. Der Command war laut und überwältigend und viel zu viel. Sirius‘ Beine gaben nach. Seine Knie schlugen hart gegen den Boden. Die Finger gruben sich in Glints rotes Fell, als der Drache explodierte.

Lumen Break!

Licht schien aus jeder goldenen Schuppe, die unter dem Kupferpelz verbogen waren, zu schießen. Es sah aus, als würde Glint bersten wie eine Wasserbombe. Nur, dass statt dem Drachenwesen alles andere im Raum zersplitterte.

Der Bildschirm barst in einem Schauer aus Glasscherben. Sie flogen glitzernd durch die Luft, scharfe Geschosse. Sirius schrie auf und warf sich über seinen Freund. Rot erblühten Schnitte auf seinem Rücken, in seinen Armen.

Der Schmerz war scharf und hell.

Dann knackten die Geräte, die um das Bett herumgestanden hatten. Das Ding, das so grässlich gepiepst hatte, brach an der langen Stange in der Mitte durch. Das Piepsen verstummte. Die Lampe an der Decke zersprang. Dunkelheit senkte sich über den Raum.

Das elektronische Surren verstummte.

Endlich war es still. Nur Sirius‘ Keuchen und Wimmern war zu hören.

„…Sirius?“, flüsterte Glint. „Du zerquetscht mich…“

Vorsichtig setzte sich Sirius auf. Seine Hände waren übersät von kleinen, roten Linien. Und vor ihm lag, als zerquetschtes Stück Plastik, das stinkend schmorte, der Überrest des Helms, den er auf dem Kopf getragen hatte.

Sirius starrte ihn lange an. Dann flüsterte er mit erstickter Stimme: „Wir müssen hier ganz schnell raus, Glint.“

Der Drache schaute ihn aus großen, blassgrauen Augen an. Sirius sah seine eigene Angst in ihnen gespiegelt.

Stumm nickte Glint. Sie mussten hier raus.

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